Ein Platz an der Hölle

120 Jahre nach dem ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts herrscht ohrenbetäubende Stille: Nur drei Männer schickte Bismarck 1884 nach Deutsch-Südwestafrika – einer davon Heinrich Ernst Göring, Vater des späteren Nazi-Verbrechers. Was als Geschäft mit Adolf „Lügenfritz“ Lüderitz begann, mündete in systematische Vernichtung.

70 Prozent der Herero und Nama starben durch deutsche Soldaten, in der Kalahari-Wüste, in Konzentrationslagern. General Lothar von Trotha verkündete: „Innerhalb der deutschen Grenzen wird jeder Herero mit und ohne Gewehr erschossen. Ich nehme keine Weiber oder Kinder mehr auf.“ Deutschland war die drittgrößte Kolonialmacht der Welt – doch davon wissen die meisten nichts. Kirche, Wissenschaft und Wirtschaft bildeten ein rassistisches Betriebssystem, das Ausbeutung legitimierte. Schädel wurden vermessen, Menschen nummeriert, Kontinente am Kartentisch aufgeteilt.

Heute leben 70 Prozent des namibischen Ackerlandes noch immer im Besitz weißer Nachfahren der Siedler. Neokolonialismus prägt Handelsbeziehungen, während in Deutschland Bismarck-Statuen stehen und die Edeka ihre koloniale Vergangenheit verschweigt. Patrick und Jens folgen der blutigen Spur vom Völkermord 1904 bis zu heutigen Strukturen – und zeigen, warum diese Geschichte unsere Gegenwart bestimmt.


Themen

  • Völkermord an den Herero und Nama (1904-1908)
  • Deutsche Kolonialgeschichte in Namibia
  • Rolle von Bismarck und der deutschen Kolonialpolitik
  • Konzentrationslager und systematische Vernichtung
  • Rassismus als Betriebssystem des Kolonialismus
  • Neokolonialismus und heutige Strukturen
  • Aufarbeitung und fehlende Reparationen
  • Verbindungen zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus

Erwähnte Personen & Organisationen

  • Otto von Bismarck: Reichskanzler, der Deutschland zur Kolonialmacht machte
  • Kaiser Wilhelm II.: Hielt die berüchtigte „Hunnenrede“ von 1900
  • Lothar von Trotha: General, der den Vernichtungsbefehl gegen die Herero erließ
  • Heinrich Ernst Göring: Erster deutscher Reichskommissar in Südwestafrika, Vater von Hermann Göring
  • Adolf Lüderitz: Kaufmann, der durch Betrug Land in Namibia erwarb („Lügenfritz“)
  • Robert Koch: Entwickelte Impfstoff gegen Rinderpest in Afrika
  • Jürgen Zimmerer: Historiker und führender Kolonialismus-Experte
  • Achille Mbembe: Politikwissenschaftler, Theoretiker der „Necropolitik“
  • Natascha A. Kelly: Wissenschaftlerin zu epistemischer Gewalt und Rassismus
  • Vijay Prashad: Historiker und Kritiker des Neokolonialismus

Begriffe

  • Völkermord/Genozid: Systematische Vernichtung einer ethnischen, religiösen oder nationalen Gruppe
  • Necropolitik: Konzept von Achille Mbembe über staatliche Macht über Leben und Tod
  • Epistemische Gewalt: Unterdrückung von Wissensformen und Denkweisen marginalisierter Gruppen
  • Neokolonialismus: Fortsetzung kolonialer Ausbeutungsstrukturen ohne formale politische Kontrolle
  • Xenologie: Theorie über die Konstruktion von „Fremdheit“ zur Machterhaltung
  • Kongo-Konferenz: Berliner Konferenz 1884/85 zur Aufteilung Afrikas
  • Meilenschwindel: Lüderitz‘ Betrug bei Landkäufen (deutsche statt englische Meilen)

Weiterführende Quellen

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7 Replies to “Ein Platz an der Hölle”

  1. Mario

    Bzgl. eurer Empfehlung des Films „Der vermessene Mensch“, will ich hier mal auf die Reaktion schwarzer Filmschaffender verweisen, die den Film stark dafür kritisiert haben, dass er eben die eurozentristische, sprich auch Täter*innen, Perspektive darstellt und weiterverbreitet. Auch wurde im selben offenen Brief, dem Film vorgeworfen rassistische Vorstellungen zu reproduzieren. Man muss sich die Frage stellen, ob dieser Film wirklich so wichtig oder gut ist, besonders im Kontext einer Kritik an den eurozentristischen Hintergründen des Kolonialismus und Imperialismus.

    • Patrick Breitenbach

      Danke für den Hinweis. Ich habe den Film allerdings auch genau so verstanden. Die reine Perspektive der Täter und ihre krude Wissenschaftsideologie. Sagt ja auch der Filmtitel aus.

      Und mit dieser Thematik wurde natürlich auch zwangsläufig der Rassismus seiner Zeit reproduziert, weil das ja Kernthema des Filmes war. Allerdings habe ich daraus keinerlei Verharmlosung oder Verherrlichung ablesen können. Aber klar, die Kritik ist ebenfalls berechtigt und sollte seinen Platz finden.

    • Patrick Breitenbach

      Ich habe den offenen Brief gerade auch nochmal gelesen. So wie ich ihn verstehe, bezieht er sich auf mehrere Filme, die auf der Berlinale gezeigt wurden und dabei zugleich Filme von schwarze Filmschaffende nicht oder kaum vorkamen. Ich würde bei „Der vermessene Mensch“ allerdings nicht soweit gehen zu behaupten er zelebriere Rassismus und Kolonialismus. Die anderen Filme, auf die sich der Brief bezieht, kenne ich nicht. Es stimmt natürlich, dass durch die Darstellung der Täter auch automatisch Rassismus der Zeit reproduziert wird, würde aber dennoch unterscheiden ob dies unkritisch oder gar „zelebrierend“ erfolgt. Dem Wunsch nach mehr Förderung für schwarze Filmschaffende kann ich mich nur anschließen.

  2. Christian

    Könntet ihr die beiden zitierten Interviews von Jung und Naiv noch als Quellen in den Shownotes ergänzen (Interview-Gast, Folge) und/ oder verlinken? Das würde eurem Format noch ein weiteres Sahnehäubchen hinzufügen.

  3. Christian

    Hier kommt mein Kommentar 42.- 🙂
    Ihr macht sehr gute Arbeit, kommt aber nicht zum Punkt.
    Politik ist ein Geschäft, das auf Wählerstimmen aus ist. Wähler haben eine Stimme. Medien informieren Wähler. Der Punkt ist doch dann, zu erkennen, wie die Wähler informiert werden, oder? Wo steht dem Wähler das Wasser bis zum Hals, dass er sich nicht informiert? Für mich wird in der Gesellschaft viel zu wenig über Politik diskutiert. Mensch zu Mensch ist in unserer geteilten Gesellschaft verloren gegangen.

  4. Fabio G.

    Fand die Sendung gut. Konsequente Quellenangaben wären schön (eigentlich ein Muss). Mich interessieren besonders die beiden Ausschnitte im Kapitel Neokolonialismus von Prashad und Parenti.

    Liebe Grüße aus Köln

  5. Felix K

    puh, habe die Folge jetzt 3 Tage vor Abreise nach Tansania gehört.
    bin wirklich gespannt wie die Menschen die auf uns zu sprechen sind.

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