Wer darf sterben? Nekropolitik, Technofaschismus und die Verwaltung des Todes
Während Milliardäre von Freedom Cities, Mars-Kolonien und unsterblichen Genies träumen, sterben Kobalt-Arbeiter im Kongo, ertrinken Menschen im Mittelmeer und verarmen ganze Bevölkerungen systematisch. Das ist kein Versagen des Systems – das ist das System. Achille Mbembes Konzept der Nekropolitik liefert den analytischen Schlüssel: Souveränität definiert sich nicht durch Gesetze oder Grenzen, sondern durch die Macht zu entscheiden, wer lebenswert ist – und wer dem Tod überlassen werden darf.
Patrick und Jens zeigen, wie diese Logik tief in die Gegenwart reicht: in den nächtlichen Körper liberaler Demokratien, der hinter Sonntagsreden über Menschenrechte verborgen bleibt. In maltusianischen Rechtfertigungen, die Massensterben als Naturgesetz verkaufen, obwohl es politische Entscheidung ist. In der Ideologie der Technofaschisten – Effective Accelerationism, Long-Termism, Neoreaktionäre –, die Hyperkapitalismus und KI-Beschleunigung zur heiligen Pflicht erklären, während sie Sozialstaaten zerstören, Daten monopolisieren und das Töten an Algorithmen auslagern.
Patrick und Jens ordnen ein, was Mbembes Analyse für heute bedeutet: von neokolonialer Ressourcenausbeutung über Drohnenkrieg und Grenzgewalt bis zur Frage, wie eine Politik des Lebens aussehen könnte: Epistemischer Ungehorsam, Ubuntu-Philosophie, Klimareparationen und Datensouveränität.
Themen
- Nekropolitik nach Achille Mbembe: Souveränität als Macht über den Tod
- Biopolitik vs. Nekropolitik: Foucaults Erbe und Mbembes Kritik
- Der nächtliche Körper liberaler Demokratien – Doppelstandards und koloniale Kontinuität
- Thomas Robert Malthus und die Legitimation des Sterbenlassens
- Technofaschismus: Effective Accelerationism, Long-Termism und Neoreaktionäre Bewegung
- Silicon-Valley-Milliardäre als nekropolitische Akteure (Musk, Thiel, Zuckerberg, Palantir)
- Neokolonialismus heute: Kongo, Niger, Kenia, Angola, Senegal, China und die Neue Seidenstraße
- Grenzgewalt, Frontex und das Recht auf Mobilität
- Gegenentwürfe: Ubuntu-Philosophie, epistemischer Ungehorsam, Klimareparationen, Datensouveränität
Erwähnte Personen & Organisationen
- Achille Mbembe: Kamerunischer Philosoph und Politikwissenschaftler, Begründer des Konzepts der Necropolitik
- Michel Foucault: Französischer Philosoph, dessen Konzept der Biopolitik Mbembe weiterentwickelt und kritisiert
- Thomas Robert Malthus: Britischer Ökonom (1766–1834), dessen Bevölkerungstheorien bis heute als Rechtfertigungsstruktur für Ausgrenzung dienen
- Curtis Yarvin: Vordenker der neoreaktionären Bewegung, Verfechter von Technofeudalismus und CEO-Monarchie
- Elon Musk: Tech-Milliardär, Chef von Tesla, SpaceX und X; einflussreicher Akteur im Umfeld der Trump-Administration und DOGE
- Peter Thiel: Mitgründer von PayPal und Palantir, Investor und Ideologe der neoreaktionären Tech-Rechten
- Mark Zuckerberg: CEO von Meta; nutzt Arbeitskräfte im globalen Süden zu Niedriglöhnen für KI-Training
- Palantir Technologies: US-amerikanisches Datenanalyse-Unternehmen, das Überwachungs- und Militärtechnologie entwickelt
- Ambalavaner Sivanandan: Britisch-sri-lankischer Schriftsteller und Aktivist, bekannt für den Satz „Wir sind hier, weil ihr dort wart“
- Frontex: Europäische Grenz- und Küstenwache, in der Kritik wegen Pushbacks im Mittelmeer
- Guantánamo: Extraterritoriales US-Gefängnis auf Kuba, paradigmatisches Beispiel für rechtsfreie Räume
Begriffe
- Nekropolitik: Von Achille Mbembe geprägtes Konzept; beschreibt die Ausübung von Macht durch die Entscheidung, wer sterben darf oder dem Tod überlassen wird
- Biopolitik: Michel Foucaults Begriff für die staatliche Verwaltung und Optimierung des Lebens der Bevölkerung
- Nächtlicher Körper: Mbembes Begriff für die Schattenseite liberaler Demokratien – die Sphäre von Gewalt, Ausschluss und Willkür, die den Wohlstand des „Tagkörpers“ sichert
- Effective Accelerationism (e/acc): Ideologische Strömung, die maximale technologische und kapitalistische Beschleunigung ohne Regulierung fordert
- Long-Termism: Ethische Strömung, die die Interessen zukünftiger Menschheitsgenerationen über die der Gegenwart stellt – und damit aktuelle Verelendung rechtfertigt
- Neoreaktionäre Bewegung (NRx): Antidemokratische Ideologie, die Demokratie als „falsches Betriebssystem“ ablehnt und Herrschaft durch technokratische Eliten fordert
- Epistemischer Ungehorsam: Denksysteme des globalen Südens bewusst in den Vordergrund stellen und eurozentrische Wissensmonopole zu brechen
- Ubuntu-Philosophie: Afrikanisches Konzept, das auf gegenseitiger Abhängigkeit und Gemeinschaft basiert – „Ich bin, weil wir sind“
- Loss and Damage: Klimapolitisches Prinzip, das Hauptverursacher des Klimawandels zur Entschädigung für Schäden im globalen Süden verpflichtet
- Neokolonialismus: Fortbestehende wirtschaftliche und politische Abhängigkeitsverhältnisse ehemals kolonisierter Staaten trotz formaler Unabhängigkeit
- Postdemokratie: Begriff für Gesellschaften, in denen demokratische Formen bestehen, aber Entscheidungsmacht zunehmend bei nicht-demokratisch legitimierten Akteuren liegt
- Ökozid: Schwerwiegende Zerstörung von Ökosystemen durch menschliche Eingriffe; im Kontext der Folge: Umweltzerstörung durch Ressourcenabbau im globalen Süden
Weiterführende Quellen
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Ich bin sehr begeistert und beeindruckt von eurem Podcast. Weiter so! Und ja, die Gedanken, Bücher und Forschungen zu Feminismus, Kolonialismus, Machtstrukturen, Gleichheit und Klasse werden nicht einfach verschwinden. Sie sind in der Welt – es sind wegweisende Entdeckungen, die für immer da bleiben. Es lohnt sich also, weiter zu denken und zu kämpfen… Danke 🙏
Vielen lieben Dank! Das freut uns sehr!