Women lead the way: Islands Frauenstreik und was wir daraus lernen können
90 % aller isländischen Frauen legten am 24. Oktober 1975 gleichzeitig die Arbeit nieder – zu Hause und im Beruf. Das Land stand still. Schulen geschlossen. Zeitungen ungedruckt. Männer kauften panisch Würstchen, weil sie sich selbst kein Essen kochen konnten. Dieser eine Tag erzwang ein Gleichstellungsgesetz, brachte die erste demokratisch gewählte Präsidentin der Welt hervor und veränderte eine Gesellschaft grundlegend. Kein Geschenk der Politik – ein machtpolitischer Hebel.
Patrick und Jens zeichnen nach, wie aus den feministisch-sozialistischen Roten Strümpfen der 1970er-Jahre eine der konsequentesten Gleichstellungspolitiken der Welt entstand: das Entgelttransparenzgesetz mit Beweislastumkehr, das weltweit einzigartige Elternzeitmodell nach dem Prinzip „use it or lose it“, die 40-%-Aufsichtsratsquote, das Verbot von Stripclubs. Und sie zeigen, warum Island trotzdem 2023 erneut streiken musste – weil der Gender Pay Gap wieder stieg, weil jede vierte Frau Gewalt erlebt hat und weil ein Spitzenplatz im Ranking noch lange kein Paradies bedeutet.
Was kann man dagegen tun? Das ist die häufigste Frage an den Podcast – und diese Episode liefert konkrete Antworten: von der Geschichte des Frauenstreiks über den spanischen Generalstreik 2018 bis zur südkoreanischen 4B-Bewegung. Patrick und Jens erklären, warum politische Streiks in Deutschland faktisch verboten sind, was trotzdem möglich ist und warum Veränderung immer mit Organisation beginnt.
Themen
- Der isländische Frauenstreik 1975 und seine legislativen Folgen
- Isländische Gleichstellungsgesetze: Von 1976 bis 2021
- Der Frauenstreik 2023 und die „isländische Illusion“
- Deutschland im Vergleich: Ehegattensplitting, Minijob-Falle, Gender Pay Gap
- Streikrecht in Deutschland: Was erlaubt ist und was nicht
- Historische Frauenbewegungen als Motor gesellschaftlicher Veränderung
- Organisation als politisches Mittel: Gewerkschaften, Netzwerke, ziviler Ungehorsam
Erwähnte Personen & Organisationen
- Vigdís Finnbogadóttir: Erste demokratisch gewählte Staatspräsidentin der Welt, 1980–1996 Präsidentin Islands, durch den Streik von 1975 politisiert
- Jóhanna Sigurðardóttir: Isländische Premierministerin 2009–2013, weltweit erste offen homosexuelle Regierungschefin, führte das nordische Modell bei Prostitution ein
- Katrín Jakobsdóttir: Isländische Premierministerin 2017-2024, nahm selbst am Frauenstreik 2023 teil und berief anschließend eine Taskforce zur Lohngleichheit ein
- Aristophanes: Altgriechischer Komödiendichter, Verfasser von „Lysistrata“ (411 v. Chr.) – literarische Vorlage für den politischen Sexstreik
- DGB (Deutscher Gewerkschaftsbund): Dachverband der deutschen Gewerkschaften, Anlaufstelle zur Orientierung über zuständige Einzelgewerkschaften
- FAU (Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union): Basisgewerkschaft, radikaldemokratisch und branchenübergreifend organisiert
Begriffe
- Kvennafrídagurinn: Isländisch für „Frauenruhetag“ – offizieller Name des Frauenstreiks vom 24. Oktober 1975, bewusst gewählt um das politisch aufgeladene Wort „Streik“ zu umgehen
- Gender Pay Gap (bereinigt/unbereinigt): Der bereinigte Gap misst Lohnunterschiede bei gleicher Tätigkeit; der unbereinigte Gap erfasst die gesamte strukturelle Lohnlücke – also auch die Unterbewertung frauendominierter Berufe
- Use it or lose it: Prinzip des isländischen Elternzeitmodells: Väter können ihre sechs Monate nicht auf die Mutter übertragen – ungenutzte Zeit verfällt, das Elterngeld entfällt
- Mental Load: Die unsichtbare kognitive Dauerbelastung durch vorausschauende Planung des Familienalltags: Arzttermine, Schulmaterial, Geburtstage – die strukturell überproportional Frauen trifft
- Motherhood Penalty: Karriereknick und Gehaltsverlust, den Frauen nach der Geburt eines Kindes im Durchschnitt erleiden
- 4B-Bewegung: Südkoreanische feministische Bewegung (ca. ab 2017/18): Verzicht auf Sex, Dates, Ehe und Kinder mit Männern als kollektiver Protest gegen patriarchale Strukturen
- Nordisches Modell (Prostitution): Rechtlicher Ansatz, der den Kauf von Sex kriminalisiert, den Verkauf jedoch nicht – schützt Prostituierte als Opfer und setzt bei der Nachfrage an
- Wilder Streik: Arbeitsniederlegung ohne gewerkschaftliche Trägerschaft und ohne Tarifziel – in Deutschland arbeitsrechtlich riskant, aber nicht strafrechtlich verboten
- Intersektionalität: Analytischer Ansatz, der mehrfache Diskriminierungsformen (Geschlecht, Klasse, Herkunft etc.) als sich gegenseitig verstärkend begreift
Weiterführende Quellen
- Ausschnitte in der Sendung stammen hauptsächlich aus der empfehlenswerten Dokumentation: Island: Ein Tag ohne Frauen
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