Sie sind wieder da! The day after Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalt, 7. September 2026: Die AfD kommt auf 43,8 Prozent und ist damit erstmals stärkste Kraft in einem deutschen Landesparlament. Die CDU, die mit härterer Migrationspolitik gegenhalten wollte, halbiert sich auf 17,2 Prozent. SPD, Grüne und Linke liegen jeweils unter zehn Prozent, die FDP ist raus. Ulrich Siegmund, 35, könnte der erste AfD-Ministerpräsident Deutschlands werden. Im selben Landstrich wurde 1932 der erste nationalsozialistische Ministerpräsident gewählt – damals im Freistaat Anhalt.

Was dieses Ergebnis sichtbar macht, ist mehr als ein regionaler Ausschlag. Seit zehn Jahren gilt eine Strategie als alternativlos: der AfD inhaltlich entgegenkommen, um ihr die Themen wegzunehmen. Das Ergebnis dieser Strategie steht jetzt in Zahlen da. Und die Lehre, die ihre Verlierer daraus ziehen, lautet: noch härter. Neun von zehn AfD-Wählenden nennen „zu viele fremde Menschen“ als größtes Problem – ausgerechnet in einem Bundesland, in dem die wenigsten Menschen mit Migrationsgeschichte leben. Wer den Sündenbock braucht, hat ihn selten getroffen.

Patrick und Jens ordnen ein, was hier wirklich passiert ist: keine Protestwahl, sondern das Ergebnis einer jahrelangen Verschiebung dessen, was sagbar ist. Sie analysieren, was im Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt tatsächlich steht, warum die Partei mit Sicherheit, Zugehörigkeit und Wirksamkeit drei Grundbedürfnisse bedient, die sonst niemand mehr adressiert, wie der vorpolitische Raum besetzt wurde, während die demokratischen Parteien ihn geräumt haben, und welchen Anteil ein Journalismus daran trägt, der jahrelang Reichweite gegen Empörung getauscht hat. Und sie stellen die Frage, die am Ende bleibt: Wenn das Establishment fertig ist – wer tritt an seine Stelle?

Themen

  • Das Ergebnis in Zahlen und seine historische Dimension
  • Die Strategie der Mitte: härter werden – und was sie tatsächlich bewirkt hat
  • Was im Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt wirklich steht
  • Sicherheit, Zugehörigkeit, Wirksamkeit: die drei Versprechen und die Leerstelle dahinter
  • Der gekaperte vorpolitische Raum und die Ideologie der Ungleichwertigkeit
  • Was AfD-Wählende umtreibt – und wo sie leben
  • Das Versagen des Journalismus: Reichweite gegen Empörung
  • Ein Land in Abwicklung: Juniorwahl, Erwerbspersonenpotenzial und die Frage nach einer neuen politischen Kraft

Erwähnte Personen & Organisationen

  • Ulrich Siegmund: Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, könnte erster AfD-Ministerpräsident Deutschlands werden; verweigert im Gespräch mit Tilo Jung die Antwort auf die historische Parallele zu 1932
  • Friedrich Merz: Bundeskanzler, dessen Kurs der härteren Migrationspolitik in dieser Folge als gescheitert bewertet wird
  • Björn Höcke: AfD-Landesvorsitzender in Thüringen, zitiert mit seiner Antwort auf die Frage, was „deutsches Denken“ sei – er könne es nicht definieren
  • Carsten Linnemann: CDU-Generalsekretär, bezeichnet Migration als „das Jahrhundertthema“
  • Mariana Harder-Kühnel: AfD-Bundestagsabgeordnete, Rede „Deutsche werden zur Minderheit im eigenen Land“
  • Karl-Rudolf Korte: Politikwissenschaftler, ordnet den Wahlabend als „historischen Bruch im Blick auf unsere Staatsräson“ ein
  • Benjamin Höhne: Politikwissenschaftler an der TU Chemnitz, zur Mitverantwortung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: Die AfD verdanke ihren Aufstieg auch ARD und ZDF
  • Tilo Jung: Journalist, Jung & Naiv, dessen Frage nach 1932 Siegmund unbeantwortet lässt
  • infratest dimap: Wahlforschungsinstitut, Erhebung zu den Motiven der Wählenden

Begriffe

  • Vorpolitischer Raum: Der Bereich gesellschaftlicher Meinungsbildung außerhalb von Parlamenten und Parteien – Vereine, Stammtische, soziale Medien, Popkultur. Wer ihn besetzt, bestimmt, was als selbstverständlich gilt, bevor überhaupt gewählt wird.
  • Ideologie der Ungleichwertigkeit: Die Annahme, Menschen seien von Natur aus unterschiedlich viel wert – nach Herkunft, Ethnie oder Leistung. Sie ist der gemeinsame Kern gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und die Trennlinie zwischen konservativer und rechtsextremer Politik.
  • Postdemokratie: Zustand, in dem demokratische Verfahren formal weiterbestehen, die wesentlichen Entscheidungen aber anderswo fallen. Wahlen finden statt, ändern aber wenig – was das Vertrauen in sie aushöhlt.
  • Remigration: Beschönigender Begriff für die Ausweisung von Menschen mit Migrationsgeschichte, ausdrücklich auch solcher mit deutscher Staatsbürgerschaft.
  • Juniorwahl: Bundesweites Schulprojekt, bei dem Jugendliche vor echten Wahlen simuliert abstimmen. Gilt als Frühindikator für politische Entwicklungen.

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6 Replies to “Sie sind wieder da! The day after Sachsen-Anhalt”

  1. Tim

    Eure Gespräche helfen mir sehr dabei nicht den Verstand zu verlieren.
    Ich mag es wie ihr euch Kritisch mit Medienberichterstattung auseinandersetzt.
    Inhaltlich gibt es eigentlich nichts zu kritisieren. Aber in der aktuellen Folge ist mir doch aufgefallen, dass ihr den Duktus der liberalen Medienlandschaft teilweise übernehmt. Kritik alleine hilft nichts und sei sie auch noch so fundiert… ihr habt es selbst erwähnt… wenn man die Leute überzeugen will, muss man selbst ein kohärentes und positives Bild von der Zukunft entwickeln… aber auch das ist so eine Liberale Worthülse wenn man sie nicht konkret mit einem Plan hinterlegt… und für konkrete Probleme, braucht es keine abstrakten Zukunftskonzepte, sondern konkrete Lösungen… das gute: Linke Politik kann da helfen, das hat man im Wahlkampf der Linken während der (ersten) Energiekrise gesehen. Und das ist meiner Meinung nach schon ein richtiger Punkt den Wagenknecht macht, so furchtbar die Person und die Partei auch sind, es gibt eine Tendenz zur Symbolpolitik… da hat sie recht, das kann man ja auch machen, solange man zuerst die materiellen Bedürfnisse der Menschen adressiert. Wenn man das tut ohne Identitätspolitik zu lassen, dann verhindert man auch, dass Menschen die von linker Politik profitieren würden gegeneinander ausgespielt werden können. Aber die Reihenfolge ist wichtig. Außerdem habe ich den Eindruck, dass linke (damit meine ich alles ab dem linken Flügel der CDU) die individuelle Erzählung vom Glück als gegeben hinnehmen. Aber nicht alle ziehen ihr Glück daraus Karriere machen zu können. Vielen fehlt schlicht die materielle Grundlage um Passionen zu entwickeln und ihnen nachzugehen, nicht jeder sieht seinen purpose in der freien Entfaltung der eigenen Person. Dinge die für die urbane Mittelschicht selbstverständlich sind. Um das zu adressieren müsste man ein linkes Gegenangebot von Gemeinschaft anbieten welches nicht, zumindest nicht nur, auf individueller Identität beruht…. Die Rechten tun es mit ihrer kollektiven nationalen Identität und es funktioniert. Natürlich basiert die auf dummen Konzepten, aber das ist ja umso mehr Grund es besser zu machen. Um das alles umzusetzen bräuchte es aber einen kohärenten Plan und zwar einen der nicht darauf abzielt gegen Rechts zu sein um sich auf die Schulter klopfen zu können auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Es braucht materielle Politik ohne Label stattdessen mit Wirkung.

  2. a

    Als Datenpunkt, da gefragt: Videoformat gibt mir gar nichts, Audioformat reicht subjektiv vollkommen, niedrigere Frequenz ist schade. Vielleicht ein Videoformat pro Monat, Rest nur Audio?
    Wer hat Zeit für Videos?

    Ansonsten gut, dass ihr wieder da seid.

  3. Simon

    Das neue Format ist großartig. Und die aktuelle Folge bringt es genau auf den Punkt. Und für alle, die es noch immer nicht sehen (wollen): ein Augenöffner. Man frägt sich: Muss immer erst ein totaler Kollaps kommen, bevor wir verstehen? Die Vergangenheit bestätigt dies meist. Aber:
    Wir haben erstmalig ganz andere Bedingungen – und zwar einen endlichen Planeten, am Ende der Belastung gebracht und Kippunket überschritten. So etwas gab es noch nie. Dass dieses Einmalige nicht in den Köpfen der Menschen ankommt, liegt klar an der Kommunikation. Euer Portal ist so immens wichtig und empfehle ich auch immer.
    Nur in einem Punkt muss ich nachhaken: Warum sagt ihr zur Parteilandschaft: Es wird ja keine Alternativen geboten? (bzw. dass Grüne und Linke nur in einigen Punkten etwas anstoßen). Dann würde man ja ins gleiche Horn blasen wie alle, die eben nichts bewegen wollen. Ich finde das zu einfach. Eine neue Partei …, ich würde sagen, dazu ist keine Zeit. Doch wenn man nach dem Ausschlussprinzip denkt (nein, es muss nicht immer alles 100 % stimmen – aber die Richtung und der klare Blick für eine Gemeinschaft und Zukunftsfähigkeit): dann bleiben ja doch noch Grüne und Linke. Und einen (den wahrscheinliche einzigen) Realpolitiker hatten wir ja in der Ampel. Warum nennt man das nicht mal klar statt all diejenigen, die genau diese Parteien in den Dreck gezogen haben – als Ablenkung für deren Unzulänglichkeit. Beim aktuellen Kanzler wird zurecht kritisiert: keine Empathie, kein Zugehen auf die Bevölkerung. Habeck hatte genau das gemacht – und das war auch nicht recht? So what? Im Umfeld hört man so oft nach Wal-o-Mat-Ergebnissen: Da wären ja Linke oder Grüne rausgekommen, hüstel hüstel. Ja, was sagt uns das? Das Argument, sich den (angeblichen) Wirtschaftsparteien zuwenden, um global mithalten zu können, löst sich ja spätestens jetzt auf. Warum nicht genau dem entgegensetzen, als zermahlen zu werden? Deutlicher wie in der aktuellen Energiekrise kann es ja nicht werden: Unabhängigkeitslösungen, die gleichzeitig auch noch die heimische Wirtschaft und den Mittelstand stärken. Auf die Schulter zu tätscheln („was willst du Einzelperson schon ausrichten“) durch Bestandsbewahrer im Umfeld zählt spätestens jetzt nicht mehr. Jede Stimme zählt (noch). Und dann muss man auch klar benennen, wer das vorantreiben will (gerne mit weiteren Verbesserungsvorschlägen). Und nicht immer, wer nicht. Was meint ihr?
    Warum nicht auch an dieser Grafik ansetzen:
    Wenn Sonntag Bundeswahl wäre… | Christian Stoecker: https://www.linkedin.com/feed/?highlightedUpdateUrn=urn%3Ali%3Aactivity%3A7505682363742519297&highlightedUpdateType=TOPIC_TRENDING_CONVERSATION_IN_YOUR_NETWORK&origin=INAPP&highlightedUpdateTrackingId=KrHQHNyVTLWM5pkPy1UoyQ%3D%3D&showCommentBox=true

    Fake-News und Kampagnen der Rechten: Auf einen fünfstelligen Beitrag begrenzte Parteispenden statt mehrere Mio. von einem Spender wäre natürlich ein echtes Gesetz im Sinne der Demokratie.
    Nochmal: Bitte nicht falsch verstehen: Ich verschlinge jede Folge von euch und empfehle sie weiter. Doch das „Es werden ja auch keine Alternativen geboten“ könnte lähmen. Was meint ihr?

  4. kraftw33rk

    Hey ihr lieben. Kurzes Feedback wie gewünscht. Videoformat finde ich toll. Das bringt mir ab und an ein wenig emotionale Tiefe mit rein, muss aber nicht jedes mal sein. Die Taktung auf 2 Wochen finde ich mega. Ich bekomme so endlich mal die Chance, Anschluss an aktuelle Themen zu finden. Ich habe inzwischen durch proppen vollen Alltag sehr sehr viele ungespielte Folgen. Die höre ich zwar noch, aber ich kann bestimmt bei den Ältesten nicht mehr alles in Zusammenhang bringen. Als letztes noch einen Feedback-Wunsch: Bitte immer (wie ihr es auch schon positiv in die richtige Richtung gebracht habt) darauf achten, dass Euere Audio-Dateien KEINE peak Lautstärke-Sprünge haben! Ich bin nicht selten extrem zusammengezuckt, weil nach einem langen, normalen Dialog extrem lautstarke Livemitschnitte oder sssscccchhhhhhhht, hey du, eingemischt wurden, was mir so starke Adrenalin-Schübe bereitet hat, dass ich ein bisschen pausieren musste. Sonst seid Ihr nicht nur spitze, ihr seid die Speerspitze des Mediums Podcast und gebt mir immer wieder viel Kraft und Hoffnung. Ich höre Euch seit Day One und predige überall wo ich Nährboden finde, Euren Podcast zu hören. DANKE!

  5. Bock

    Wenn neun von zehn AfD-Wählenden „zu viele fremde Menschen“ als Problem nennen – ausgerechnet in einem Land mit besonders geringem Migrantenanteil –, ist das schon eine bemerkenswerte Leistung politischer Vorstellungskraft.

    Man muss den Sündenbock offenbar nicht kennen. Es genügt, wenn jemand zuverlässig auf ihn zeigt. 🦌

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